B¨rger Stiftung Stormarn

08.08.2017

Wie in Trittau aus Fremden Freunde werden

Wie in Trittau aus Fremden Freunde werden

Von Barbara Moszczynski

Foto: Barbara Moszczynski

Die Trittauer Bürgerstiftung „Café International“ führt Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer zusammen. Sie treffen sich vor der Trittauer Wassermühle

Im "Café International" treffen sich regelmäßig Flüchtlinge und Einheimische. Die Begegnungen sind ein Erfolgsrezept. Ein Ortstermin.

Trittau. "Es gibt hier eine Regel: Mach die Sätze kurz. Denn die, die den Ernst der Situation erfasst haben, die Deutsch lernen und arbeiten wollen, nutzen unsere Treffen, um die Sprache zu lernen", sagt Gerd Rosenstock. Der 80-Jährige ist einer der Organisatoren des "Café International". Seit einem Jahr lädt die Trittauer Bürgerstiftung mehrmals im Monat zur Begegnung mit Flüchtlingen in die Trittauer Wassermühle ein. Das Café, eine Mischung aus Spieletreff und Klönschnack, ist ein Erfolgskonzept.

Die Flüchtlinge reisen auch aus den Nachbarorten an

Rund 30 Geflüchtete und ein Dutzend Einheimische haben heute den Weg in die Wassermühle gefunden. Es ist das letzte Café vor der Sommerpause. Manchmal kommen bis zu 50 Flüchtlinge – der Treffpunkt ist so beliebt, dass sie auch aus Hoisdorf, Stapelfeld und Brunsbek anreisen. Mohamad Izzat Najjar ist einer von denen, die es ganz ernst meinen. Der Ingenieur aus Syrien lebt seit zwei Jahren hier und spricht fast fließend Deutsch. "Ich lerne immer und spreche immer, ich mache alles für meine Familie", sagt der hochgewachsene Mann mit den traurigen Augen.

Najjar hat in Syrien 15 Jahre als Maschinenbauer in der Getränkeindustrie gearbeitet. Er ist sicher, dass er in Deutschland einen guten Job finden kann. Auch eine Wohnung in Trittau hat er schon. Der Familienvater wartet nun sehnsüchtig darauf, dass seine Frau und die beiden sieben und neun Jahre alten Kinder aus Damaskus nach Deutschland kommen können. Doch seine Frau hat erst in sieben Monaten einen Termin in der deutschen Botschaft im libanesischen Beirut, die für die Anträge auf Familiennachzug zuständig ist. "Das ist wirklich tragisch", sagt Walter Nussel. "Mohamad ist so gut integriert und bemüht, aber seine Familie kann nicht zu ihm kommen." Nussel war zwölf Jahre lang Bürgermeister in Trittau und ist heute Vorsitzender der Trittauer Bürgerstiftung. Er sagt: "Wir wollen mit dem Café ein Stück Normalität für Flüchtlinge schaffen."

Was können Kinder in den Ferien unternehmen?

Auf den Tischen stehen Schalen mit Himbeeren und Keksen. Der Duft von frischgebackenem Kuchen zieht durch den Raum. Vorstandsmitglied Ursula Otten strahlt, denn Hind Meselmani hat einen Schokoladenkuchen mitgebracht. Die Syrerin lebt seit 30 Jahren in Trittau und hilft jetzt ihren Landsleuten, in Deutschland anzukommen. "Tee, Tee?", fragt Ali Jan Sultanie aus Afghanistan und stellt dampfende Gläser auf den Tisch. Der Koch teilt sich mit Walter Nussel die Zuständigkeit für die heißen Getränke aus dem Samovar. Er hatte in Kabul ein eigenes Restaurant, bevor er aus seiner Heimat fliehen musste. Zusammen mit Ehefrau Nasimeh (36), seinen zwei Söhnen sowie zwei Töchtern wohnt der 46-Jährige seit eineinhalb Jahren in einer Zweizimmerwohnung in Trittau. Seine Frau begrüßt Hildrun Scheidt freudig. Sie streicht der älteren Deutschen liebevoll über beide Wangen, die Lütjenseeerin drückt die jüngere Frau lächelnd an sich. Die ehemalige Physiotherapeutin kümmert sich gemeinsam mit Flüchtlingspatin Pia Quast um die Familie Sultanie.

Heute wollen sie überlegen, was die Kinder in den Ferien unternehmen können. "In Afghanistan durfte ich nicht zur Schule gehen" erzählt die elfjährige Fatima, die reifer wirkt als Gleichaltrige. Die Afghanen sind über den Iran, die Türkei, Griechenland, Serbien und Österreich nach Deutschland geflüchtet. Drei Monate waren sie unterwegs. "Wir sind in einem kleinen Schlauchboot über das Meer gefahren" erzählt die Elfjährige, die nach den Sommerferien in die 5. Klasse der Hahnheide Schule wechseln wird. Fatima hat die DAZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) an der Trittauer Mühlau-Schule besucht und möchte am liebsten Ärztin werden.

Mohammed hat gesehen, wie Menschen getötet wurden

 

Nasimeh Sultanie aus Afghanistan mit ihren Töchtern
Fatima und Masuma sowie Hildrun Scheidt im Treff
Foto: Barbara Moszczynski

Doch jetzt geht es erst einmal um das Ferienprogramm. "Möchtest du Mangas zeichnen oder T-Shirts bemalen?", fragt Pia Quast. Fatima entscheidet sich für die T-Shirts, ein Angebot der Gemeinde Witzhave. Hildrun Scheidt schreibt sich die E-Mail-Adresse für die Anmeldung auf. Die Lütjenseeerin kümmert sich auch um Fatimas 17-jährigen Bruder Mohammed, der in Afghanistan ein frühkindliches Trauma erlitten hat. "Er hat viel Angst und macht alles ganz langsam" erzählt Mutter Nasimeh Sultanie.

Mohammed hat mit angesehen, wie Menschen getötet wurden. Er hat vor allem große Angst vor Messern. Deshalb hat seine Psychiaterin aus Ahrensburg angeordnet, dass er zu Hause Gemüse schneiden soll. "Die Eltern müssen noch mehr darauf achten, dass er das übt", sagt Hildrun Scheidt. Sie hat für die Familie eine größere Wohnung in der Nachbargemeinde Lütjensee gefunden. Doch Nasimeh Sultanie hat sich gerade für einen Integrationskurs in Reinbek angemeldet. Der Bus aus Trittau braucht dorthin anderthalb Stunden. Die Afghanin würde deshalb lieber nach Glinde oder Ahrensburg ziehen.

Junger Afghane arbeitet für Maler in Lütjensee

Barbara Hasenkamp sitzt mit einer Gruppe junger Männer am Tisch. Sie sagt: "Die sind alle ziemlich eifrig. Schade, dass sie herumsitzen und warten müssen." Für den 23-jährigen Marwan, einen Maurer aus dem Irak, hat das Warten dank Hasenkamp jetzt ein Ende. Die gebürtige Amerikanerin, die in Witzhave lebt, hat ihm ein Praktikum bei einem Trittauer Baustoffhändler organisiert. "Ich bin einfach in den Laden hineinmarschiert und habe gefragt, ob er einen Praktikanten braucht. Der war ganz begeistert", erzählt die ehemalige Tierärztin. Khalil Nezami, ein weiterer ihrer Schützlinge, hat sich seinen ersten Sprachkursus in Hamburg selbst organisiert und den zweiten gerade abgeschlossen.

Er hat auch schon Arbeit gefunden. Der junge Mann aus Herat im Westen von Afghanistan arbeitet nun für einen Malermeister in Lütjensee. "Am 1. September beginne ich mit einer Ausbildung bei meinem Chef", sagt der 27-Jährige stolz. Die Frau des Malermeisters hat ihm auch eine Wohnung vermittelt. "Die Menschen in Deutschland sind wirklich Menschen", sagt Khalil Nezami dankbar. Trotz des Abschiebestopps nach Afghanistan hat er Angst: "Ich bin 27 Jahre alt und habe immer nur im Krieg gelebt, ich kann nicht zurück."

Nächste Begegnung: 25. August um 14 Uhr

Von Khalil hat Ursula Otten erfahren, dass es ihm schwerfällt, die Café-Organisatoren zu duzen. Zu Hause würde er Ältere siezen, das sei eine Frage des Respekts, hat er ihr erzählt. Überhaupt habe sie durch die Flüchtlinge viel über deren Kultur gelernt, sagt die Trittauerin. Dass etwa Kranke und Schwangere im Fastenmonat Ramadan nicht fasten müssten. Und dass es viele unterschiedliche Arten gibt, ein Kopftuch zu binden. Das gegenseitige Kennenlernen ist auch Walter Nussel besonders wichtig. Er sagt: "Früher sind wir auf der Straße aneinander vorbeigegangen, jetzt begrüßen wir einander freundlich." Gerade hat er einer Flüchtlingsfamilie geholfen, eine Gebühr zu überweisen. " Sie haben mich angesprochen, weil sie das Schreiben vom Amt nicht verstanden haben. Da bin ich gleich mit ihnen in die Bank gegangen."

Es ist 16 Uhr, die zwei Stunden sind wie im Flug vergangen. Christine Carl und Ursula Otten machen sich an den Abwasch. Gerd Rosenstock wischt den Fußboden. Das "Café International" macht Sommerpause. Für den 25. August um 14 Uhr laden die Ehrenamtlichen der Bürgerstiftung wieder zur Begegnung mit Flüchtlingen ein.

Café International, Kulturzentrum Trittauer Wassermühle, Am Mühlenteich 3, 22946 Trittau, Kontakt: Walter Nussel, Telefon: 04154/82580, E-Mail: walter.nussel@dk-netcon.de.

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